Barbara Mithlinger

TEXTE

„Ambivalenz der Wirklichkeit, Magie des Objekts, Poesie der Erzählung“ - Reflexion anlässlich 75. Jahren kleine galerie

Barbara Mithlinger, Leiterin der kleinen galerie

 

Palimpsest - Gaia - Skelett und Fleisch - Mensch und Tier – Liebe - Göttinnen; Sechs Sujets mit denen sich sieben Künstler:innen (Hubert Christian Ehalt Gotthard Fellerer, Julia Fromm, Ulrich Gansert, Martina Pippal / Götz Bury und Elisabeth von Samsonow) befassen und sich ihnen auf individuelle Art, mit unterschiedlicher künstlerischer Stilistik nähern. Sie beschreiben Urthemen des menschlichen Seins. Bilder, Objekte, Installationen, Fundstücke, Relikte. Wir als Betrachtende begegnen ihnen, treten in Dialog und wenn wir es wagen, uns wahrhaft einlassen, erzählen sie uns nicht nur über die Welt und Gesellschaft, in der wir uns bewegen, sondern auch über uns selbst. Wir schreiben ihnen Geschichten und Sinnzusammenhänge ein, machen sie uns zu eigen und entwickeln aus dem was wir in ihnen wahrnehmen auch Neues. Gleichzeitig liegt es an den Kunstschaffenden, ihre Werke freizulassen, zur Verfügung zu stellen, sie der Welt und damit der kritischen Betrachtung und Diskussion anzuvertrauen. Sie geben damit auch immer ein Stück ihrer selbst. Es entstehen Begegnungen, manchmal auch Berührungen und in weiterer Folge Veränderungen. Ein Prozess, der Mut erfordert, besonders in den aktuellen Zeiten, in denen wir so oft versucht sind, rasch zu beurteilen, abzuwerten, in enge Kategorien zu teilen, ohne uns wirklich einzulassen auf die Vielgestalt des Lebens, auf Perspektivenvielfalt, Möglichkeitsräume und Austausch. Mut wird auf der anderen Seite auch jenen abverlangt, die sich einlassen auf die Ambivalenz der Dinge. Sich für etwas zu öffnen, von dem wir nicht sofort wissen, was es uns offenbart und bereithält. Widersprüchliches auszuhalten, innezuhalten bevor wir es für uns selbst einordnen. Für einen Augenblick Selbst - und Weltdistanz zu üben, Verweilen statt Schnelllebigkeit. Fähigkeiten, die gerade in Zeiten von höchster Anspannung in einer Welt, die so ungeborgen scheint, besondere Hinwendung und Willen von uns fordern. Gelingt es uns, diese Haltung einzunehmen, entsteht ein Raum, in dem sich die Magie des Objekts enthüllen und entfalten kann.


Diesen Raum zur Verfügung zu stellen, zu öffnen und zu halten, war für mich als Galerie Leiterin eine besondere Aufgabe. Ich habe Hubert Christian Ehalt als langen Wegbegleiter der kelinen galerie anlässlich ihres 75jährigen Bestehens eingeladen, eine Ausstellung zu kuratieren. In dem Wissen und Vertrauen, dass sich hier etwas Besonderes entfalten würde, war ich vor allem Raumgeberin, Begleiterin, immer aber auch Eingebundene. Für mich war es eine besondere Erfahrung zu erleben, wie sich diese Ausstellung in wunderbarer Abstimmung aller beteiligten Menschen gestaltet hat. Durch Organisator*innen, Künstler*innen, Mitwirkende und schließlich durch Besucher*innen, ist letztlich mit drei weiteren Veranstaltungen im Rahmen der Werkschau weitaus mehr entstanden als eine Ausstellung: es entfaltete sich ein Feld, in dem das wirken konnte, was Christian Ehalt in seinem Text als Kurator beschreibt: „Ein Absehen von Zwecken, von möglichen Nützlichkeiten, enthüllt die Magie des Objekts und der Ding-Welt; das Geheimnisvolle des Einzelnen wird freigelegt. Der Zwang zur Nützlichkeit banalisiert; wenn dieser Zwang wegfällt, entsteht die Möglichkeit, die Dinge der Welt künstlerisch zu sehen, als schön und als poetisch wahrzunehmen.“ Dieses Erleben allen zu ermöglichen, die sich darauf einlassen wollten, war somit mein vorrangiges Anliegen. Genau das liegt auch in der Tradition der kleinen galerie, die als Schnittstelle zwischen Kunst, Gesellschaft, Wissenschaft und Bildung heuer ihr 75jähriges Bestehen feiert.


Die Galerie wurde im Jahr 1947 mit dem Anliegen gegründet, Künstler:innen in den entbehrungsreichen und schwierigen Zeiten nach dem Krieg zu unterstützen und den Menschen Zugang zu leistbarer, hochwertiger Kunst, zu Schönem und zur Weiterentwicklung Anregendem zu ermöglichen. Immer wieder wird die Galerie von Wegbegleiter:innen als wichtiger Ort für intellektuelle Zusammenkünfte beschrieben. Der niederschwellige Zugang zu einem Raum, in dem menschlicher Austausch und offene Diskussionen in Verbindung mit künstlerischem Ausdruck möglich waren, wurde immer wieder als besonderes Merkmal dieser Institution hervorgehoben. Welche Bedeutung Räumen dieser Art für die Sicherung demokratischer Werte einer Gesellschaft zukommt, wird besonders in Zeiten der gesellschaftlichen Fragmentierung und Verengung von Krise und Unruhe deutlich. In Zeiten der Covid-19 Pandemie vermissten viele Galerie Besucher*innen den direkten und unmittelbaren Zugang und Kontakt zu Kunst. Die Menschen freuten sich, wenn in den Galerie Räumen Licht brannte, man durch die Fenster etwas Erspähen konnte und ein neues Bild in der Auslage erschien Oft wurde ich in Zeiten von Lockdowns gefragt, ob man nur „kurz Schauen“ dürfe. Aus jedem „kurzen Schauen“ entwickelten sich kleines Gespräch vor der Tür der Galerie. Für mich zeigte sich hier sehr klar: das digitale Betrachten ersetzt keineswegs die reale und echte Begegnung mit Kunst und den Austausch mit anderen Menschen darüber. Die Kunst ist den Menschen ein Gegenüber. Mit ihr kann man in Beziehung treten, in Verbindung und Resonanz gehen oder sich von ihr distanzieren. All das schärft unsere Umrisse, gibt uns Gestalt, nährt und formt uns. Kunst appelliert stets an unser waches und lebendiges Menschsein. Sie ist Impulsgeberin für eigenständiges Denken und Handeln, welche stete Reflexion, Weiterentwicklung, Kritik und Offenheit anregt. Es ist dies ein Prozess, in dem sich Künstler:innen wie Galerie-Besucher:innen auf Augenhöhe begegnen.


Die Kleine Galerie wurde als ein solcher Raum gegründet. Sie veranstaltete seit jeher Ausstellungen, betrieb eine Leihbildgalerie, gab die „Wiener Kunsthefte“ heraus, förderte als ein für alle offener Ort der Auseinandersetzung Diskussion und gesellschaftspolitische Reflexion von Politik, Kunst und Kultur. Die Gründung einer solchen Institution in der Nachkriegszeit war insofern besonders bedeutsam, da sie die Aufgabe hatte, strukturelle Rahmenbedingungen zu schaffen sowie eine Atmosphäre zu bereiten, in der sich eine neue, von der Idee des Friedens, von sozialer Partizipation und Inklusion und gesellschaftlichem Fortschritt getragene Gemeinschaft bilden konnte. Institutionen wie die kleine galerie waren für das Herausarbeiten dieser Werte und Qualitäten des sozialen, kulturellen und intellektuellen Lebens der Stadt wesentlich und bedeutsam. Bis heute bringt sie Menschen mit aktueller Kunst in Berührung. Eines meiner wesentlichen Anliegen als Leiterin ist es daher, die Galerie weiter als künstlerischen Begegnungs- und Diskursort zu öffnen. Kunst als „Vermittlerin des Unausprechlichen“ soll in ihren vielschichtigen Facetten und Ausdrucksformen weiterhin allen Menschen zugänglich sein und offenstehen. Unsere bewegte Zeit braucht solche zweckfreien Daseins- und Begegnungsräume mehr denn je. Mehr denn je gefragt sind auch Ausstellungen, wie zuletzt jene bereits genannte Werkschau „Ambivalenz der Wirklichkeit, Magie des Objekts, Poesie der Erzählung“, die über das bloße Zeigen von Bildern hinausreichen: Die Galerie als Raum des permanenten Dialogs darüber, was Kunst für unsere Leben und Existenzen sein kann. Durch Menschen die zusammentreffen bewegen sich Ideen, durch Orte wie die kleine galerie, wird die revolutionäre Kraft des Menschen genährt, es entsteht Neues, Verbindendes und Zukunftsweisendes. Kunst und Kultur sind die Essenz einer Gesellschaft. Künstler:innen als Spürende und Beobachtende, als Erfinder:innen von Anderswelten und Zukünften sind seit jeher Träger:innen von gesellschaftlichem Wandel. Nur wenn wir uns diesen Pulsschlag einer Gesellschaft bewahren, ihm Beachtung schenken, kann uns als Gemeinschaft von Menschen gelingen, was Joseph Beuys in einem Zitat so treffend formuliert hat: „Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden. Sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen.“ Wir Kunstschaffenden haben die Kraft und das Potential diese Zukunft zu denken, sie anzuregen und unsere Gesellschaft zur Umsetzung zu inspirieren. Die lebendige Kraft der Kunst ist eine unserer größten Ressourcen; Mit ihr im Gepäck, so bin ich überzeugt, wird Zukunft gelingen.

 

Herwig Zens und die kleine galerie

Barbara Mithlinger, seit 2021 Leiterin der kleinen galerie

 

Es ist nie einfach passende Worte zu finden für einen außergewöhnlichen, wie vielseitigen Menschen und Künstler; Für einen besonderen Freund und Mentor der kleinen galerie, dessen ideelles, menschliches sowie künstlerisches Vermächtnis in den Räumen und in der Ausrichtung dieser Institution weiter wirkt.
Kaum ein Künstler war so lange und auf so einzigartig besondere Weise mit der kleinen galerie verbunden, wie der Maler, Zeichner, Filmemacher und Pädagoge Herwig Zens. Ich sehe es als derzeitige Leiterin der kleinen galerie als besondere Fügung, dass mich meine erste große Ausstellung mit dem Titel „Zens persönlich“ direkt auf die Spuren desjenigen Künstlers brachte, der in der kleinen galerie bis heute allgegenwärtig ist.
Alleine die Auswahl der Arbeiten (ein mich durch Berge von Zens Arbeiten Hindurchschauen, die teilweise flüchtig und doch so auf Punkt und Strich genau getroffen auf winzige Zettelchen gezeichnet sind) war ein für mich prägender Begegnungsprozess.

 

Auf keine andere Art und Weise hätte ich die Bedeutung des Menschen und Künstlers Zens für die Galerie besser begreifen und erleben können. Nie hätte ich die Bedeutsamkeit seines menschlichen wie künstlerischen Wirkens besser verstehen können, als durch zahlreiche Gespräche und Telefonate mit Wegbegleiter:innen, welche die Ausstellung im Juni 2021 besuchten. Viele seiner ehemaligen Schüler:innen und Student:innen sind gekommen, um ihrem Mentor und Professor wieder zu begegnen. Manche von ihnen saßen doch einige Zeit vor seinen Bildern und Skizzen, blätterten in dem von Gerda Zens mit viel Engagement gestalteten Buch „Zens persönlich“. Es sind diese besonderen Erinnerungen, Anekdoten und persönliche Erlebnisse, die gemeinsam mit den Bildern bis heute die Galerieräumlichkeiten füllen. Viele Menschen begegneten einander also dort wieder, wo Herwig Zens selbst besonders verbunden war: in seiner kleinen galerie.

 

Zens, der eine humanistische Bildung genossen hatte, war stets vielseitig interessiert. Auch künstlerisch war sein Weg keineswegs so eindeutig Richtung Bildender Kunst weisend, denn neben seiner Leidenschaft zum Zeichnen und Malen, erfreute er sich auch an der Darstellenden Kunst. Und so mag es vielleicht auch nicht ganz unwesentlich gewesen sein, dass der Lebensweg des Künstlers Herwig Zens schon früh zur kleinen galerie führte. Bereits als Volksschulkind kam er häufig an der Galerie, damals noch in den Räumlichkeiten in der Neudeggergasse im 8. Wiener Gemeindebezirk gelegen, vorbei. Die Begegnung mit der kleinen galerie schienen für den jungen Zens prägend. Bereits hier war sein künstlerisches Interesse an Zeichnungen und Malereien geweckt: Schon als Jugendlicher hatte er sich vorgestellt, mit seinen eigenen Werken als Künstler in der Galerie vertreten zu sein. Sein Wunsch ging in Erfüllung: Herwig Zens war der kleinen galerie über 40 Jahre sehr eng verbunden. Ein ganz besonders herzliches und freundschaftliches Verhältnis verband ihn mit dem langjährigen Galerieleiter Faek Rasul. Gemeinsam mit Karl Dworschak, dem heutigen Direktor der VHS Donaustadt, dem die Galerie heute zahlreiche Fotografien „des Meisters“ verdankt, entstand ein enger Austausch mit Herwig Zens und dessen Wirkfeld. Zens selbst war über 50 Jahre lebendiger Teil der Wiener Kunstszene und pflegte ausgezeichnete Kontakte zu vielen etablierten Künstler:innen und Galerist:innen.

 

Seiner Vermittlung und Initiative verdankt die kleine galerie bis heute einige ihrer wichtigsten künstlerischen Verbindungen. Von 2009 an wurden die Werke von Herwig Zens Jahr für Jahr in zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen in der kleinen galerie präsentiert. Mehrere Druckgrafik- Editionen entstanden, von denen die meisten bis heute in der Galerie erworben werden können.

 

Noch vor seinem Tod entwarf Zens, der seine Heimatstadt Wien immer besonders schätzte, eine eigene, dem Rathaus gewidmete Edition der kleinen galerie: Einen ganz speziellen dreifärbigen Siebdruck von Helmut Bichler mit Tuschzeichnung von Herwig Zens mit dem Motiv des Wiener Rathauses, welchen er 2019 Bürgermeister Michael Ludwig in Freundschaft überreichte.
„Herwig Zens brachte Menschen und Kunst zusammen“, erinnert sich Michael Ludwig besonders gerne an seine Begegnungen mit Herwig Zens in der kleinen galerie. „Wenn es einen Künstler gibt, bei dem die beiden Begriffe Kunst und Bildung verschmelzen, dann ist es Herwig Zens“, schrieb er 2019 in seinem Nachruf an den großen Meister.

 

In keiner anderen Galerie hätte Herwig Zens besser wirksam sein können als in der kleinen galerie. Bis heute, 75 Jahre nach ihrer Gründung in den schwierigen Nachkriegsjahren, ist die kleine galerie Schnittstelle von Kunst und Bildung, von Wissenschaft und künstlerischer Disziplinenvielfalt. Die kleine galerie als Ort vielfältiger Begegnung wurde auch durch Menschen und Künstler wie Herwig Zens „ganz groß“.

 

Die kleine galerie wird das künstlerische wie humanistische Erbe von Herwig Zens, seine Wertehaltungen, Ideen und seine feinsinnige Weltsicht weitertragen. Zum Ausdruck kommen wird dies auch weiterhin in den jährlich stattfindenden Zens- Ausstellungen: 2022 widmet sich die kleine galerie dem Thema „Zens: Wien und der Tod“; für das Jahr 2023 ist anlässlich des 80. Geburtstags, welchen „der Meister“ am 5. Juni 2023 gefeiert hätte, eine Werkschau in besonderem Rahmen angedacht. Denn: an keinem anderen Ort der Kunst ist das stete Mantra des Meister so beständig laut wie in der kleinen galerie: Weitermachen!

 

Herwig Zens in der kleinen galerie:

23. Janner–6. Marz 2009 Herwig Zens: Mythos: Malerei und Druckgrafik

19. November 2009–9. Janner 2010 Jahresausstellung 2009

1.–10. September 2010 Peter Altenberg: Kaffeehaus. Eine exklusive Kunstmappe

13. Oktober–18. November 2010 Herwig Zens: Todliche Umarmung

24. November 2010–10. Januar 2011 Jahresausstellung 2010

1. Juni–8. Juli 2011 Ein Streifzug durch die Druckgrafik

14. September–13. Oktober 2011 Adolf Frohner, Herwig Zens: Leidenschaft und Versuchung

23. November 2011–13. Janner 2012 Jahresausstellung 2011

21. Marz–26. April 2012 Herwig Zens: Mythos und Erotik (Malerei, Zeichnung, Druckgrafik)

12. September–11. Oktober 2012 Arbeiten auf Papier

7. Mai–13. Juni 2013 Vorbild Frohner

16. Oktober–21. November 2013 Ich hab noch viel vor

27. November 2013–9. Janner 2014 Jahresausstellung 2013

11. Juni–10. Juli 2014 Arbeiten auf Papier

15. Oktober–20. November 2014 Vorbilder

26. November–23. Dezember 2014 Jahresausstellung 2014

18. Februar–19. Marz 2015 Das pralle Leben – Adolf Frohner

21. Oktober–19. November 2015 Zens und seine Bilderwelt Herwig Zens: Malerei, Zeichnung, Druckgrafik

25. November–23. Dezember 2015 Jahresausstellung 2015

11. Mai–9. Juni 2016 Papierwelten

15. Juni–8. Juli 2016 Moderne Druckgrafik aus Osterreich

23. November–21. Dezember 2016 Jahresausstellung 2016

22. Februar–22. Marz 2017 Pingo ergo sum. Ich male also bin ich

22. November–20. Dezember 2017 Jahresausstellung 2017

06. Juni– 04. Juli 2018 ALTE MEISTER- Herwig Zens

22. Jänner 2020 – 13. Februar 2020 Weiter machen- Herwig Zens

23. Juni - 16. Juli 2021 „Zens persönlich“- Ausstellung und Präsentation des gleichnamigen Buches

Claudia Kraus, Angelika Rattay, Maria Pia Lattanzi

 

Heute

Echt

jetzt

In natura


Wir alle haben unsere eigenen inneren und äußeren Bilder von Natur.
Und es liegt in unserer menschlichen Natur, uns Gedanken darüber zu machen, was diese Natur uns ist und wir ihr sind.


Natur; das Wort stammt aus dem Lateinischen: natura von dem Wort nasci „entstehen, entspringen, seinen Anfang nehmen, herrühren“. Genau hierin führt uns diese Ausstellung. An den Punkt wo „es“ herrührt, zu einer Natur, die uns so vieles ist und durch die Geschichte hindurch war.
Wir menschliche Wesen sind Geworfene in eine uns umgebende Natur, die wir nicht beherrschen können, die uns beherrscht, der wir ausgeliefert sind, von der wir uns entfremdet haben und deren Teil wir sind, ob wir nun wollen oder nicht. Natur ist Heimat, Mutter, Anfang, und sie ist unser schicksalhafter Spiegel. Wir leben in und mit diesem stets ambivalentem Spannungsfeld, das Generationen von Menschen stes neu fordert. Auffordert zu Entwicklung.

Im Gegensatz zur östlichen, galt Natur in der westlichen Kulturgeschichte lange als „Feind“ des Menschen: Sie war Angst einflößend, voller Gefahren und Bedrohungen. Immer wieder suchte sich der Mensch durch seine kullturellen Leistungen aus ihr herauszulösen, sich zu ent- und schließlich zu überheben. Der Mensch als Herrscher über die Natur.
Im Laufe der Aufklärung führte vor allem die Epoche der Romantik zur Verklärung der Natur in der Gesellschaft; sie wurde nun vor allem als Vorbild für Ästhetik und Harmonie betrachtet. Die Rolle des Menschen verlagerte sich von über zu neben der Natur stehend. Mit dem Aufkeimen der Umweltbewegung im 20. Jahrhundert bekam der Mensch immer mehr die Rolle einer „Störung“ zugeschrieben. Betrachtet man die Weltgeschichte, zeigen sich stets Phasen von Annäherung und Entfremdung des Menschen an die und von der Natur.

Natur ist glücklich. Doch in uns begegnen sich zuviel Kräfte, die sich wirr bestreiten: wer hat ein Frühjahr innen zu bereiten? Wer weiß zu scheinen? Wer vermag zu regnen?
Fragt Rilke in seinem Gedicht.


Und so fragen wir-gerade in diesen Zeiten, wo wir immer mehr begreifen: Die Natur braucht den Menschen nicht, er hingegen kann ohne sie nicht sein. Der Mensch ist vermessen, will vermessen oft maßlos. Das ist sein Los. Das liegt in der Natur des Menschen, dass er die Natur zu ergründen sucht, die ihn umgebende, wie die ihn durchdringende. Natürlich ist das so. Der menschliche Verstand fordert beständig und selbstverständlich das Verstehen Wollen:
„verstehen“ von althochdeutsch „farstān“ mit der ursprünglichen Bedeutung „davor stehen“ (wodurch man z. B. eine Sache genau wahrnehmen kann), von Anfang an im übertragenen Sinn („begreifen“, „durchschauen“)


Wir stehen heute also davor, vor Bildern, Skulpturen, Werken, und schließlich und am Ende, wenn wir uns ganz einlassen, vor uns selbst. Wir schauen und versuchen durchzuschauen durch die hier präsentierten Bild- (geh)Schichten. Doch immer bleibt das Geheimnisvolle, entzieht sich die Essenz der Dinge und auch „die Natur“ als das Prinzip des Anfangs und Ursprungs. Der Kreislauf des Lebens, in den wir allesamt Eingebundene sind uns somit als Menschen zu verbundenen werden.
Und so stehen wir alle hier in diesem Raum mit Fotografien, Plastiken und Malereien:
Sie vermitteln das Wesentliche, ohne ihr Wesen ganz zu offenbaren.
Die Natur nicht und der Wald nicht, den wir vor lauter Bäumen dann doch nicht sehen (Kraus)
Der Menschen nicht, selbst wenn wir ihm bis aufs Fleisch schauen, unsere Anatomie als Abbild der uns umgebenden Natur erkennen (Rattey)

Und selbst wir uns selbst nicht, selbst wenn wir uns und unsere Wesenheit im Spiegel unserer Umwelt samt Mitgeschöpfe betrachten. (Lattanzi)


Was also ist uns die Natur und wer sind wir mit und in ihr?
Diese Frage stellt die Werkschau der 3 Künstlerinnen und sie ist ein Apell zur Innen schau!
Auch von der Natur der Frau erzählt die Werk-Innenschau: Natur und das weibliche Prinzip sind eng verknüpft. Die Frau ist der Natur durch ihre Fähigkeit des Gebärens und Hervorbrings näher. Und so ist es auch der/die Künstler:In und sein/ihr Prozess des Schaffens.
Als Künstlerinnen und Frauen sind P.M Lattanzi, Angelika Rattey und Claudia Kraus heute da.
In natura, ganz echt da, angreifbar, intensiv, stark, zart, poetisch, verhüllend und enthüllend ohne Blöße.


Claudia Kraus


Stille, Licht- Schatten Spiel und Weite erleben wir in Claudia Kraus’ lyrischem Werkzyklus land escapes I. In den geheimnisvollen, mystisch und überzeitlich anmutenden Landschaften. Wege beginnen und verlieren sich wieder, enden ungewiss am Horizont. Nebelschichten verschleiern die Sicht auf das Darunterliegende; Bäume, Büsche und Sträucher bleiben oft nur Andeutungen. Den Bildern eigen ist ein intensives Spiel mit Licht und Schatten, mit dem Hellen und Dunklen, mit dem was Offensichtlich ist und Verborgen. Mit poetisch verdichtete Bildwelten voller Andeutungen, Fragilität und Vergänglichkeit spürt Claudia Kraus Veränderungsprozessen in der Natur nach.


„Jede Landschaft als Projektionsfläche innerer Vorgänge, die ich mittels Fotografie sichtbar und erfahrbar mache – Erinnerungen und Träume sowie das kollektive Unbewusste spielen bei der Rezeption der Bilder eine wesentliche Rolle.Das japanische ästhetische Konzept, das Schöne im Dunkel zu finden, das Angedeutete höher zu schätzen als das klar Exponierte, inspiriert mich ebenso wie die Idee der mystischen Versenkung in die Natur. „Mich fasziniert der Gedanke von Novalis, wonach wir mit dem Unsichtbaren stärker verbunden sind als mit dem Sichtbaren“, sagt Claudia Kraus.
Gemeinsam spüren sie hier der Bedeutung von Natur in einer globalisierten Welt nach. Sie brechen sie die Grenzen zwischen Kultur und Natur, erforschen, was in Mythen und dem kollektiven Unbewussten schlummert und schaffen mit ihren Arbeiten ein sinnlich erfahrbares Erleben.


Claudia Kraus lebt und arbeitet in Wien. Ihre künstlerische Praxis umfasst Fotografie, Malerei und Zeichnung. Ihr Zugang zur Fotografie ist intuitiv-experimentell, wobei sie eine eigenständige poetische Bildsprache entwickelt hat. Schichten und Texturen sind ein wieder- kehrendes Thema in ihrem formalen Ansatz. Digitalfotografien fungieren häufig als Ausgangsmaterial, als Skizzen, die zum Teil verfremdet und abstrahiert werden. In ihrer Serie „how long is eternity“ kommt weiters das Verfahren der Scanografie zum Einsatz.


Claudia Kraus ist national und international bei Einzel- und Gruppenausstellungen vertreten. Ihre Arbeiten wurden u.a. in Wien, Budapest, London, Melbourne und Miami gezeigt und in einer Reihe von nationalen und internationalen Magazinen veröffentlicht.


Angelika Rattay
„Meine Passion ist es, ein Bild der Weiblichkeit zu entwickeln, das nicht von einem althergebrachten Rollenbild geprägt ist, sondern von einer neuen Vision der Frau, deren Schönheit sich aus ihrer Einzigartigkeit ergibt, aus ihren Verletzungen, aus der Kraft, die sie durch deren Überwindung gewonnen hat. Sie ist schön, weil sie eben nicht dem stereotypen Schönheitsideal entspricht“, sagt Angelika Rattay.


Ihre Figuren zeigen sich entblößt und nackt. Scheinbar schutzlos stehen sie da und verkörpern Stärke und Verletzlichkeit gleichermaßen. Sie sind allesamt unvollkommmen, gezeichnet vom Leben: ihre Unvollständigkeit und ihre Narben machen sie besonders. Sie tragen diese Einzigartigkeit mit Stolz und Würde.


Bei der Bildreihe Innenwelten sind einzelne Organteile bzw. Körperteile aus ihren Zusammenhängen gelöst und neu angeordnet. Durch diese Komposition kommt der jeweilige Teil des Köpers in seiner Einzigartigkeit zur Geltung. Während bei den Skulpturen eine genaue Planung notwendig ist, kann bei den Bildern die Intuition zur Wirkung kommen. Dies wird bei der Bildserie Psyche – Mensch deutlich. In ihrer neuen Serie Schattenbild der Wirklichkeit beschäftigt sich Rattay in spielerischer Form mit der Abbildung von Licht und Schatten, Linien und Flächen.


Angelika Rattays künstlerische Auffassung hat sich aus der Vorstellung entwickelt, dass Vollkommenheit als Ziel dem Menschen weder gemäß noch erreichbar ist. Deshalb gilt alle Aufmerksamkeit und Hinwendung dem Fragmentarischen. Dieses verlangt seine eigene Entfaltung. In der Anbringung subtiler körperlicher Deformierungen vermag die Künstlerin die ruhige, stereometrische Körperarchitektur ihrer Protagonistinnen aufzubrechen. Dabei handelt es sich um bewusst angebrachte, den anatomischen Gesetzmäßigkeiten zuwiderlaufende Akzentuierungen im Dienste des Ausdrucks.


Angelika Rattay lebt und arbeitet in Wien. Sie absolvierte eine Bildhauerausbildung an der Wiener Kunstschule bei Leslie De Melo und studierte Bildhauerei an der Universität für Angewandte Kunst bei Gerda Fassel und anschließend Bildnerische Erziehung.


Maria Pia Lattanzi
Sie sieht in Tieren das Instinkthafte und eine animalische Urkraft verkörpert, die so nur in der Natur von uns Lebewesen zu finden sind. Seit 2013 arbeitet sie an ihrer Serie der „Tierbilder“. Tiere sind für sie Inbegriffe des Ursprünglichen.

„Tiere sind da, wo das Gefühlsbetonte, das Emphatische zuhause ist“, sagt sie. Themen ihrer Arbeiten sind Bindung, Beziehung, Reinheit und Wildheit, Zugehörigkeit zur Natur, der Mensch als Teil der Natur. Ihre Motive bekunden die dezidierte oder auch unbewusste Absicht, einen Ausschnitt aus ihrer persönlichen Realität möglichst prägnant wiederzugeben.

Maria Pia Lattanzi lebt und arbeitet in Wien. Sie studierte Malerei an der Wiener Kunstschule und bei Adolf Frohner an der Universität für Angewandte Kunst in Wien. Sie ist Preisträgerin der Kunsthalle Wien.

Die Künstlerin arbeitet in der Technik der Eitempera, eine altmeisterliche Lasurtechnik, wobei die ersten gesetzten Schichten bis zur letzten obersten Schicht von unten durchscheinen. Auf diesem Weg erzielt Lattanzi eine sehr differenzierte Tiefenstruktur in ihren Arbeiten. Sie kombiniert figurative und abstrakte oder ornamentale Bildelemente und Formen und lässt sie zu einer Einheit verschmelzen.

In den Bildern „me and the Wolves” werden Wölfe in den Bildern zur Projektionsfläche eigenen Verlangens! Der Wolf steht in den Bildern für Selbsterkenntnis, Selbstreflexion, Wachstum und Stärke. Der Wolf als Sinnbild einer Urkraft. Im Fokus steht die eigene Existenz, die eigenen Bedürfnisse und Wünsche.


Wenn wir Menschen die Natur und die Tiere beobachten, sehen wir immer auch uns selbst und die Art, wie wir die Welt deuten. In der Natur spiegelt sich der Mensch. Das Tier ist pur, echt, wild und unverstellt. Das berührt und dort, wo wir uns als Menschen gerne entziehen.


So kann die Begegnung mit dem Tier, dem Wolf ebenfalls auch als Einladung zur Innenschau und zu echter Begegenung mit unserer verletzlichen Wesenheit verstanden werden.
Auch in ihren Arbeiten findet sich die Auseinandersetzung mit Weiblichkeit.
Die Psychotherapeutin Clarissa Pinkola schrieb 1993 das Buch „die Wolfsfrau“ und landete damit drei Jahre lang auf der Bestsellerliste der New York Times. Ein gewaltiger Erfolg! Frauen fühlten sich angesprochen, die Wölfin in sich zu finden, also das wilde, freie, sensible Wesen, das von den Erwartungen einer dominierenden patriarchalischen Gesellschaft gezähmt wurde.
Frauen und Wölfinnen haben viele Gemeinsamkeiten - nicht nur im starken fürsorglichen Charakter, sondern auch in dem Unrecht, das ihnen über Jahrhunderte angetan wurde.


Natur gehört zu dem, was bleibt und sich nicht selbst vernichtet. – Gregor Schiemann [2] Philosoph


Die ewige Natur also.
Heute ein Gegenbild zur Welt im Wandel, ein Fix- und Bezugspunkt in einer Welt, in der sich alles verflüssigt und aus der Mitte gerät, eine unheimlich heimelige Konstante, das letzte Bindeglied zwischen dem, was war und dem, was geworden ist und werden wird. Überzeitlich.
Die Natur verwandelt sich scheinbar immer gleich. Das Vertrauen dass die Sonne immer aufgeht, die Blätter einstmals fallen, der Apfel reift, die Knospen sich öffnen. Es ist scheinbar seit Jahrhunderten der selbe Tau auf Blüten,
Wenn wir eines wissen ist es dass wir Eingebunden sind
Ein Trost.

Lindа Hnatovic – Stilles lautes Leben


Ein Früchtestillleben: auf besonderem Tuch opulent arrangiertes Obst, kräftige Farben, lebendiges Licht - Schattenspiel. Ein leiser Anklang von Fede Galisias Pfirsichen und Jasminblüten. Vor dem oft kräftig blauen oder türkisen Hintergrund heben sich pralle Früchte ab. Zum Greifen nahe sind Birnen, Trauben und Datteln, geschmückt mit zierlichen Zweigen und duftigen Blüten. „Stillleben“ bezeichnet in der Geschichte der europäischen Kunsttradition die Darstellung toter Tiere oder regloser Gegenstände wie beispielsweise Blumen, Früchte, Gläser und Instrumente. Ihre Auswahl und Anordnung erfolgte meist nach symbolischen und ästhetischen Aspekten. Linda Hnatovic setzt hier einen Kontrapunkt: Ihre Bildkompositionen verwandeln stilles in lautes Leben. Bunt und begehrlich sind Früchte und Farben, ihre Arrangements verlocken: Greif zu, gönn dir die üppige Lebendigkeit! Genauso wie Schneewittchen dem herrlichsten roten Apfel nicht widersteht, so kann sich auch der/die Betrachtende der Magie bonbonbunter Birnen und Feigen nicht entziehen. Nicht ungefährlich, wie man weiß. Wer sich den Verführungen des Lebens hingibt, riskiert auch immer, sich selbst zu verlieren. Im Falle von Hnatovics Stillleben geschieht dies mit einem Augenzwinkern. Der oder die sich gewahr Werdende erkennt sich bestenfalls selbst und zwinkert zurück. Linda Hnatovics Verführung ist stets charmant: ihre Stillleben und Portraits spielen mit Ästhetik und Schönheit: saftige Früchte, entrückte Lolitas, sich selbst Begehrende, sinnlich Versunkene; sie alle erzählen auch über die Abgründe des Menschseins. Durch sie blickt man, durch makellose Schönheit hindurch, auf das Unvollkommene; auf das scheinbar Fehlende, von dem man glaubt, man könnte es durch Konsum auffüllen. Die in den Stillleben angedeutete Inszenierung von Produkten und Lebensstilen ist ein zentrales Merkmal des ästhetischen Kapitalismus. Dieser hat ewiges Wachstum zur Existenzgrundlage und ist darauf angewiesen, immer mehr, immer neues Begehren zu produzieren.


Zwischen narzisstischer Selbstbespiegelung und Verführung leuchtet das Echte: Feinfühlig gezeichnete Vögel, tänzerisch spielerische Blumen-Akte, zu Papier gebrachte, flüchtige Momente, die von zarten Begegnungen erzählen, uns am Grund unseres Seins berühren. So wie auch jenes Portrait eines jungen Mannes, den Betrachtenden mit wachen Augen und leicht geöffneten Lippen zugewandt. Barock und heutig ist die Zeichnung. Man schaut seine Züge, nicht ohne gleichzeitig auch Vermeers Mädchen mit den Perlenohrringen zu sehen. Diesmal ist es der weibliche Blick, durch den man auf einen jungen Mann vor ultramarin blauem Hintergrund blickt. Auch Vermeer benutzte auffällig viel Ultramarin, ein Farbstoff, der im 17. Jahrhundert kostbarer war als Gold. Auch hier offenbart sich erst im Kippmoment des Sich-Sattsehens die erotische Verlockung. Leicht könnte man ihr verfallen und fiele dabei weich; hinein in die Sehnsuch(t)e nach dem Wahrhaftigen. Nach dem Schönen, das uns ohne das Gute und Wahre leer zurücklässt.


Diese Leerstellen zu füllen, gelingt Hnatovic auf beeindruckende Weise: mit raffiniertem Licht - Schattenspiel, mit farblicher Intensität und feinfühliger Strichführung. Ihr besonderes künstlerisches Gespür beweist sie auch durch ihre Neu -Interpretation von barocker und postimpressionistischer Malkunst, durch den Anklang des Digitalen in ihren Anordnungen von Farben und Formen. Durch eine besondere Bildästhetik hebt sie sinnliches Erfahren auf eine neue Ebene: In der Verlangsamung des Sehens und durch die Konfrontation mit Vergangenem in neuer Bearbeitung, schaffen Linda Hnatovics Stillleben und Portraits Räume, in denen die Dinge auf neue, uns unvertraute Weisen sichtbar werden. Der/die Betrachtende wird dazu aufgefordert, durch die sinnliche Erfahrung von Farbpigmenten, Strichen und Schattierungen den Schein der Dinge zu durchblicken und sich selbst in seiner menschlichen Wesenheit näher zu kommen. „Mein Zweck ist es, Menschen INNEN nach DRAUSSEN zu bringen, durch meine Kunst“, so die Künstlerin selbst. Linda Hnatovic gelingt noch mehr: ihre Bilder sind Einladungen, Menschen von innen nach draußen, von draußen nach innen und über sich hinaus zu bringen.


Verreise mit dir
Leise zu mir
Kreise mit dir
Um mICH


Reise zu dir
kreise mit dir
Leise sind wir
Um dICH


Lautstille Reise
Malt in mir Kreise
leise bin ich
Bei wir


Verwische leise
gezogene Kreise
reise zurück
Zu mir


Wir ziehn unsre Kreise
Auf spiegelndem Eise
Jedes für sich
Alleins

 

Hilde Domin

Ziehende Landschaft
Man muß weggehen können
und doch sein wie ein Baum:
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir ständen fest.
Man muß den Atem anhalten,
bis der Wind nachläßt
und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,
bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau,
die alten Muster zeigt
und wir zuhause sind,
wo es auch sei,
und niedersitzen können und uns anlehnen,
als sei es an das Grab
unserer Mutter.


Eduard Mörike

Septembermorgen
Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

 

LUBOMIR HNATOVIC
Inner LANDeSCAPES


„the soul is a deep landscape“
„Die Seele ist ein weites Land“
(Arthur Schnitzler)


Landschaften. Wir alle haben unsere eigenen Bilder von Landschaften. Wir tragen Gegenden, Orte und Umgebungen mit uns, die sich uns - einmal geschaut - als Erinnerung eingeschrieben haben, und wir hüten solche, die in unseren Träumen und Gedankenwelten scheinbar immer schon existieren, uns gehören. Lubomir Hnatovics Landschaften muss man für sich enthüllen, wenn man bis an ihren Grund dringen möchte. Man kann sich durchschauen, ohne sie je ganz zu durchschauen. Die Landschaft ist das nicht Sichtbare, hinter den Dingen Liegende, das was wir nicht fassen, nur erahnen.


In der Malerei wurde der Begriff Landschaft erstmals in der Epoche der Renaissance für die Darstellung eines Naturraums verwendet. Erst am Anfang des 17. Jahrhunderts etablierte sich die Landschaftsmalerei als eigene Gattung der Bildenden Kunst. Durch die Stileinflüsse des Barocks veränderten sich die bis dahin sehr klar strukturierten Landschaftskompositionen: dramatisches Licht- Schattenspiel wurde in der Darstellung von Landschaften zunehmend beliebter.


In der Zeit der Romantik galt die Natur in der Kunst als Ausdruck von menschlicher Verbundenheit, Emotionalität und Seelenbewegung. Vielfach offenbarten Landschaftsmalereien dieser Zeit einen großen Gefühlsspielraum und tiefe Melancholie. In der Natur spiegelte sich das menschliche Sein, Werden, Wachsen und Vergehen.


Der Impressionismus machte die individuelle Wahrnehmung der Umgebung zum zentralen Thema der künstlerischen Auseinandersetzung. Der Einfluss von Licht und Atmosphäre auf die Natur rückte in den Vordergrund. Um die Jahrhundertwende wurde die Landschaftsmalerei schließlich farbenprächtiger und abstrahierter.


All diese historischen Entwicklungsschichten und Linien liegen den Arbeiten von Lubomir Hnatovic zugrunde. Seine Lichtakzente erinnern an den holländischen Maler Jan Veermer oder an den großen britischen Landschaftsmaler William Turner. Mit Letzterem verbindet ihn auch die sehr spezielle hell- dunkle Farbschichtung. Turner stellte viele Regelungen und Annahmen der zeitgenössischen Farbtheorie in Frage. Dadurch entstanden bis dahin ungeschaute, ungewöhnliche farbliche Räume. Auch die Tongebung von Hnatovics Malerei ist, wie jene William Turners, eigenwillig, expressiv und lichtverspielt. Auf acrylgrundierter Leinwand entfalten sich in dünnen Ölfarbschichten aufgetragene Licht-Schattenräume. Hnatovic ist dabei ein Meister der Verhüllung und Abstraktion: schlichtes Schichten von Farben, zunehmendes Verdichten bis hin zu einem beinahe Verschwinden von Form und Struktur kennzeichnen den Entstehungsprozess seiner Landschaften. Das endgültige Bild entsteht durch unsichtbare, innerliche Enthüllung des Malers, die als Verhüllung auf die Leinwand gebracht wird. Lubomir Hnatovics Landschaften formen sich durch flüchtige Pinselstriche und Farbvermischungen, die sich in scheinbar konturlosen Weiten auflösen. Wie in Eduard Mörikes Gedicht „Septembermorgen“ beschrieben, symbolisieren auch Hnatovics Landschaften Räume des Übergangs. Die in Nebelfarbschleiern verborgenen Naturphänomene sind noch nicht ins Licht der Sichtbarkeit getreten. Die gemalte Landschaftswelt schwebt zwischen der Sphäre des im Inneren Geschauten des Künstlers und der Erweckung durch die Bildbetrachter. Das Wesen der Dinge und seine Umrisse sind noch nicht sichtbar, beginnen erst allmählich „in warmem Golde“ des Lichtes zu leuchten. Oft gibt es angedeutet oder zart definiert eine Horizontlinie. Sie markiert die Stelle, an der sich Himmel und Erde berühren. Innen und Außen. Ungewisses und Gewissheit. Die Ungewissheit begleitet den Entstehungsprozess; auch ihr verdanken die Landschaften ihre geheimnisvolle Tiefe und Unergründlichkeit. Stille, Licht und Weite sie tragen - neben intensiven Farbtönen - die episch überzeitlichen Landschaftsweiten. Eine mystische Aura umgibt sie. Ein intensives Leuchten hinter weich-wolkigen Strichen ist allen Bildern eigen. In den Landschaften ist kein Mensch zu sehen, sie wirken einsam und sind doch fühlbar lebendig beseelt. Am Ende entstehen offene Farbweiten, die ein Nach-Innen-Gehen für Schauende unausweichlich machen. Beständig drängt die Frage: was liegt hinter den Dingen verborgen?


In seinem Werdegang hat sich Lubomir Hnatovic, der in seiner künstlerischen Technik vorwiegend Autodidakt ist, bereits mit vielen Dingen beschäftigt: Er arbeitete als Gartenarbeiter und Buchbinder, renovierte Häuser und Wohnungen, verteilte Werbematerialien. All das ließ Hnatovic als Künstlerpersönlichkeit wachsen, formte ihn und sein Schaffen ebenso, wie seine frühen und tiefgründigen Erfahrungen mit dem jüngeren Bruder. Nur für kurze Zeit besuchte Hnatovic in Bratislava und Wien die Kunstakademien, holte sich Inspirationen, um sich durch beständiges Tun und durch das Leben selbst zu schulen. Alte Meister wie Velasquez oder Goya, Bacon oder Turner inspirierten Hnatovic für den eigenen Weg. Sie formten seine Stilistik und ermutigten, abseits von Trends und marktstrategischen Anforderungen, dem Schöpfen und Schürfen aus dem Innersten treu zu bleiben. Der Künstler landet schließlich in Wien.


Man muß weggehen können
und doch sein wie ein Baum:
So zieht er und die Landschaft steht fest.


Ein Zwischenweltsmensch. Ein durch Lebenslandschaften Ziehender. Schwer zu fassen, ein unstet wandelner Wanderer. Betritt man Hnatovics Atelier, entfernt man sich rasch aus der heutigen schnelllebigen Zeit. Taucht ein in eine anachronistische, morbide wie schräge Wunderwelt. Wunderbar eigenartig, jahrhundertwendewienerisch, skurril. Höchst lebendig ist hier der Verfall, der Zerfall. Die Themen, denen sich Lubomir Hnatovic widmet, sind existenzieller Natur. Das Vergängliche ist in seinen Arbeiten stets gegenwärtig - ohne sich anhängende, beschwerende Trübsinnigkeit. Das Schicksalhafte, Unheimliche und Abgründige wird uns durch die transformierende Malkraft menschlich nah. Melancholisch schön wird das, was wir als das Unschöne wegdrängen wollen. Es wirkt hier das japanisch ästhetische Konzept des Yugen: Das Schöne im Dunkeln zu finden, das Angedeutete tiefer zu schätzen, als das klar Exponierte und Sichtbare.


Hnatovics Landschaften entfalten ihre Magie auch als individuelle inner landscapes. Sie sind, abseits ihrer Ästhetik und Bildpoesie, Innenschauen - wenn man das will. Inner landEscapes - wenn man es vermag. Man kann sich in ihnen finden oder verlieren. Man kann sich in sie flüchten und sich ihrer schwer entziehen. Jede Landschaft ist eine gemalte Reise durch inneres, weites Land. Ein Abtauchen in eine stille, poetisch verdichtete Welt, ein Wandeln in Tiefen.


Real existierende Landschaften sind dem Maler Bezugspunkte, die er in seine eigene Bildsprache transformiert. Nebel in verschiedenster Farbnuancierung dient der Verhüllung des Konkreten, das Licht ist Öffnung hin zu noch tieferen Schichten des Bewusstseins. Hnatovics Landschaften machen Mut. Hindurch durch den Nebel, dort wartet Erkenntnis, wartet ein Heimkommen, wartet Erhellung! Am Ende ist am Anfang immer schon alles da. Das Wesentliche enthüllt sich uns, wie die Welt selbst, nie ganz. Das Geheimnis soll bleiben, als wärmender Freund, als Zauber.


bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau,
die alten Muster zeigt
und wir zuhause sind,
wo es auch sei


the painting is a deep landscape
the painting is a deep landEscape
the soul is a deep landEscape
„the soul is a deep landscape“


Barbara Mithlinger, November 2022

„Traces- Spuren“ - Tania Raschied
Die Kunst des Sichtbarmachens


Nur wer hinterlassene Spuren entdeckt, kann neue Spuren hinterlassen. Eberhard Schuy (*1955), Fotograf


Tania Raschieds Spuren, sind nicht einfach da; sie warten darauf entdeckt, geweckt und sichtbar gemacht zu werden; und genau darin offenbart sich die besondere Gabe der Künstlerin: Durch ihr Auge und das ihrer Kamera hindurch, gelingt der Fotografin Tania Raschied ein unmittelbarer Blick auf die Essenz ihrer Motive. Sie macht Spuren sichtbar, die niemand hinterlassen hat, die keiner sieht, die der schnellen Welt verborgen blieben, wenn sie nicht durch die Fotografin und ihre Kamera gehoben werden würden. Dabei handelt es sich bei den besagten Spuren weder um Träger objektiven Wissens noch um kostbare Artefakte; Es sind scheinbar bedeutungslose, alltägliche Dinge, wie Türen, Plakatwände oder Mauern, die ihre ganz eigenen Geheimnisse hinter ihren Fassaden bewahren.


Die Fotografin wird zur Archäologin des Zufälligen, die materielle Spuren freilegt und sichert, und diese schließlich in ihrem fotografischen Werk konserviert. Für einen kurzen Augenblick nur, für einen Moment, besteht das Werk in seiner Form, ehe es wieder dem Lauf seiner Geschichte preisgegeben wird. Veränderung passiert hier zufällig und ziellos, ohne, dass jemand zusieht: Farbschichtungen auf Mauern und Türen blättern, lösen sich auf, Wind und Nässe verändern die Strukturen und Texturen.


Die Spuren bleiben stille Zeugen ihrer Verwandlung durch die Zeit. In ihnen kristallisiert sich Erinnerung, absichtslos, von der Natur und der Zeit unbewusst geschaffen. Was ist ihr Narrativ, wenn es kein Gedächtnis gibt? Erst die Interaktion gibt diesen Spuren Bedeutung: Sie leben vom Dialog mit der Fotografin, die sie hebt und dem Dialog mit den Betrachtenden, die Ihnen Bedeutung ein- und zuschreiben. Es gibt kein Interesse daran, diese Spuren zu bewahren. Ihre Bedeutung erhalten sie als Momentaufnahmen- ihre Flüchtigkeit und Vergänglichkeit macht sie kostbar.

Tania Raschieds Spuren sind jedoch auch Spuren einer Selbstauseinandersetzung. Die Fotografin findet Spuren, nimmt sie auf, entwickelt sie weiter, haucht ihnen Leben ein, gibt ihnen Aktualität und Sinn. So wird die Spur zur Grundlage eines Kunstwerks. Durch die Präsentation und durch den Blick der Betrachter_innen.


entwickelt die Spur eine Eigendynamik, ein Eigenleben. Sie tritt in Dialog, ohne vielleicht vorher für andere existent und wahrnehmbar gewesen zu sein. In der Spur verdichten sich Geschichten und Mythen, die in den Menschen seit jeher im Innersten verborgen liegen. Spuren haben somit die Kraft, mit dem kollektiven Unbewussten, wie C.G. Jung es beschreibt, in Dialog zu treten. In ihnen spiegelt sich die Fülle menschlicher Erfahrungen, die Weite und Vielgestalt der Schöpfung und des Seins. Durch die Berührung mit dem kollektiv Geteilten entsteht Verbindung. Tania Raschied verbindet mit ihren Fotografien Augenblicke, Welten, Zeiten und Kulturen. Ihre Bilder binden Menschen an ihre kollektiven und somit auch an ihre individuellen Geschichten an; jeder Mensch hinterlässt Spuren, nimmt Spuren auf, macht sie sich zu eigen und gibt sie an die Welt zurück. Das Wahrgenommene wird mit Bekanntem verglichen, die Spur verändert die eigene Wahrnehmung ebenso, wie die Wahrnehmung wiederum die Spur verändern kann. In der Introspektion, zu der uns die fotografisch festgehaltenen Spuren anregen, versuchen wir Aussagen über unsere Existenz zu gewinnen. Verborgenes und Verschüttetes kann wieder spürbar und lebendig werden. Die Spuren werden zu Zeugen der überzeitlichen Wirkmacht von Bildern, Symbolen und Codes.


Tania Raschieds besondere Gabe ist die Kunst des Offenlegens- im Sinne des Hervorholens oder Freilegens. Mit tiefgründigem, treffsicheren Blick gelingt es ihr, hinter das Offensichtliche zu blicken und so das Einzigartige und Besondere zu heben. Die Kunst des Sichtbarmachens von Strukturen, Menschen, Emotionen, Stimmungen und Gefühlen, zeichnet das fotografische Werk der Künstlerin aus. Tanja Raschied ist Hebamme, Betrachterin, Archäologin. Sie wird zur Vertrauten ihrer Spuren, die sich ihr auf ganz eigene Weise offenbaren. Für ihre Bilder reist Tanja Raschied oft mehrmals an den selben Ort. Manches Motiv fotografiert sie mehrmals. Der Prozess des Spuren Hebens und Fotografierens wird somit auch zu einer Innenschau, zu einer Selbstauseinandersetzung. Die Künstlerin selbst hinterlässt demnach Spuren in ihren Werken. Sie wird selbst niemals sichtbar, ihre feine Präsenz bleibt jedoch spürbar. Tania Raschieds Fotografien sind „Bildwelten unzähliger Geheimnisse“, die jeden Betrachter und jede Betrachter*in dazu einladen, sie zu erspüren und zu ergründen.